Das Ende von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt? Übereinkommen der ILO veröffentlicht

Constanze Illner Soziale Verantwortung, Neuigkeiten

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass hat sie unter anderem ein neues ILO-Übereinkommen zur Beendigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt verabschiedet. Was drin steht und was bei der Umsetzung Schwierigkeiten bereiten wird, erfahren Sie in unserem Überblick.

Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz ist ein großes Problem – eines, dass so viele Facetten hat, an allen möglichen Orten vorkommt und nur höchst selten geahndet wird. International konnte man sich bisher noch nicht einmal auf eine universelle Definition von „Belästigung“ und „Gewalt“ am Arbeitsplatz einigen – zu vielseitig, zu schwer zu fassen, so scheint es.

Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels. Spätestens seit der #MeToo Debatte ist der Sachverhalt auf dem Tisch und die „Du auch?!“-Reaktionen sind nicht mehr unter den Teppich zu kehren. Studien zeigen, dass Gewaltprävention am Arbeitsplatz sinnvoll ist, nicht nur aus menschenrechtlichen Gesichtspunkten. Auch der Business Case spricht dafür, denn Menschen, die sich am Arbeitsplatz sicher fühlen, arbeiten besser und sind motivierter.

Zu ihrer Jubiläumskonferenz hat die ILO nun ein Übereinkommen verabschiedet, das einen Paradigmenwechsel andeutet. Das Dokument erkennt an, dass „Gewalt und Belästigungen in der Arbeitswelt eine Menschenrechtsverletzung darstellen (…), eine Bedrohung für die Chancengleichheit, inakzeptabel und mit menschenwürdiger Arbeit unvereinbar (ist)“. Der Text weist die ILO-Mitgliedsstaaten darauf hin, dass sie „eine große Verantwortung dafür haben, ein allgemeines Umfeld von Nulltoleranz gegenüber Gewalt und Belästigung zu fördern.“

Das Übereinkommen definiert Gewalt und Belästigung, enthält einen inklusiven Ansatz der viele „Arten“ Arbeitnehmer mit einbezieht und für eine Vielzahl von Arbeitsstätten gilt. Hier können Sie auf den Text zugreifen.

Wer ist wo vor was geschützt?

Gewalt und Belästigung im Sinne des ILO-Übereinkommens 190 wird definiert „als eine Bandbreite von inakzeptablen Verhaltensweisen und Praktiken oder deren Androhung (…), die darauf abzielen, zur Folge haben oder wahrscheinlich zur Folge haben, physischen, psychischen, sexuellen oder wirtschaftlichen Schaden zur verursachen und umfasst auch geschlechtsspezifische Gewalt und Belästigung“.

Das Übereinkommen schützt Arbeitnehmer und andere Personen in der Arbeitswelt, darunter „abhängig Beschäftigte im Sinne der innerstaatlichen Gesetzgebung und Praxis, sowie erwerbstätige Personen ungeachtet ihres Vertragsstatus, in Ausbildung befindliche Personen, einschließlich Praktikanten, Arbeitskräfte, deren Arbeitsverhältnis beendet wurde, Freiwillige, Arbeitssuchende und Stellenbewerber sowie Personen, die die Befugnisse, Pflichten und Verantwortlichkeiten eines Arbeitgebers ausüben“.

Das Übereinkommen gilt für „Arbeitsstätten, einschließlich öffentlicher und privater Räume, bei denen es sich um einen Arbeitsplatz handelt, an Orten wo der Arbeitnehmer bezahlt wird, eine Ruhepause einlegt oder eine Mahlzeit einnimmt oder sanitäre Einrichtungen, Waschgelegenheiten und Umkleideeinrichtungen, während arbeitsbezogener Fahrten, Reisen, Ausbildungen, Veranstaltungen oder gesellschaftlicher Aktivitäten (einschließlich derjenigen, die durch Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht werden), in vom Arbeitgeber bereitgestellten Unterkünften und auf dem Weg zur und von der Arbeit“. Das Übereinkommen umfasst auch Gewalt und Belästigung, die im Zusammenhang mit Dritten vorkommen können.

Die Umsetzung

„Der neue Standard erkennt das Recht aller auf eine Arbeitswelt frei von Gewalt und Belästigung an“, so ILO-Generaldirektor Guy Ryder. „Der nächste Schritt ist die Umsetzung dieses Schutzes in die Praxis, so dass eine bessere, sicherere menschenwürdige Arbeitsumwelt für Frauen und Männer entsteht. Ich bin sicher, dass wir eine schnelle und umfassende Ratifikation und Umsetzung für das neue Übereinkommen erreichen“.

Mit der Ratifizierung verpflichten sich die Mitgliedsstaaten, die ILO-Konvention in der jeweiligen nationalen Gesetzgebung umzusetzen. Das Übereinkommen tritt 12 Monate, nachdem es von zwei Mitgliedstaaten ratifiziert wurde, in Kraft. Für den Ratifizierungsprozess von ILO-Übereinkommen ist in Deutschland das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) zuständig. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erklärte dazu: „Vor dem Hintergrund der weltweiten #MeToo Debatte hat die ILO jetzt auf UN-Ebene ein wirkungsvolles Instrument geschaffen. Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt gehören geächtet und bekämpft. Deutschland bekennt sich dazu und wird eine schnelle Ratifizierung des Übereinkommens in Angriff nehmen.“

Rechtlich können wir uns also schon einmal auf einen Wandel einstellen. Wer sich nun schon auf das Ende von Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz freut sollte sich jedoch bewusst machen: eine Gesetzesänderung alleine wird Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz nicht beenden. Warum? Weil sich Gewalt und Belästigung nur schwer aufdecken lassen. Die Forschung zeigt, dass viele individuelle und miteinander verbunden Faktoren dazu führen, dass es zu Gewalt und Belästigung kommt und es viele Gründe gibt, diese nicht anzuzeigen. Auch wenn es illegal ist.

Das Übereinkommen trägt diesem Problem Rechnung indem es unter anderem Aufklärungsarbeit fordert. Als Zertifizierungsgesellschaft haben wir das Problem ebenfalls erkannt. Aus diesem Grund haben wir die Initiative ProGASA entwickelt. Mit einem E-Learning Kurs sensibilisieren wir Sozialauditoren auf das Problem von Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz. So möchten wir unseren Beitrag leisten, um sicherzustellen, dass Sozialaudits ein effektives Instrument im Kampf gegen geschlechtsbezogene Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz darstellen.

ProGASA – Sind Sie dabei?

Die weltweite Veröffentlichung unseres E-Learning Kurses ist Ende August angesetzt. Derzeit suchen wir nach Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen, die überzeugt sind, das Gender-Bewusstsein ein wichtiges Thema für sie und ihre Lieferanten ist und die zu einer Veränderung in der Industrie beitragen möchten. Wir möchten uns regelmäßig mit dem Stakeholder Team austauschen und mithilfe von Kursmaterialien beratend und unterstützend zur Seite stehen. Sie fühlen sich angesprochen? Hier finden Sie weitere Informationen.

Bei weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung – Kontaktieren Sie uns!

Constanze Illner Administrator
Constanze Illner is Marketing & Communication Officer at DQS CFS GmbH
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